US-Ölpest: „BP, du tötest unsere Tiere“

June 4, 2010

Fischer Lasseigne (c) Julie Dermansky

So lange er denken kann, ist Floyd Lasseigne Fischer auf Grand Isle vor der KĂŒste Louisianas. Die Ölpest im Golf von Mexiko zerstört sein Leben.

Die Austern liegen im Wasser wie stille Boten der Katastrophe. Ein silbrig glĂ€nzender Ölfilm zieht sich ĂŒber die Schalen der Tiere. Schlierig schwappt die BrĂŒhe ĂŒber die flache Austernbank von Floyd Lasseigne.

Mit einem kleinen Beil löst der Fischer ein paar der Muscheln vom Grund und hebelt sie vorsichtig auf. Glitschiges, weißes Austernfleisch quillt heraus. Lasseigne beugt sich hinunter, hĂ€lt die Nase ganz dicht an das Meerestier. „Man kann das Öl riechen“, sagt der stĂ€mmige Mann und reicht die Auster herĂŒber. Dann wendet er den Blick ab, die Augen rotgeĂ€dert von NĂ€chten ohne Schlaf, und blickt hinĂŒber zu dem Marschgras, dessen StĂ€ngel bis zur Hochwasserlinie mit dreckig-braunem Öl verschmiert sind. „Die ganze Sache macht mich krank“, sagt Lasseigne: „das hier ist meine Leben, jetzt sehe ich, wie alles den Bach runtergeht.“

Am spĂ€ten Nachmittag ist der Fischer aufgebrochen, um nach seinen AusterbĂ€nken vor Mendicant Island zu sehen. Den Bajou Rigaud ist er in seinem flachen Boot mit den zwei starken Außenbordern hinaufgefahren, vorbei an den Docks von Grand Isle, wie fast jeden Tag in den letzten 27 Jahren. Draußen auf der Barataria-Bay hat er die Kutter seiner Kollegen gesehen, wie sie versuchen, das Öl fĂŒr BP vom Meer abzuschöpfen.

„Vessels of Opportunity“ nennt der Ölriese das Programm, als gĂ€be es eine Gelegenheit zu ergreifen. BP zahlt den Fischern gutes Geld. Doch gerade mussten vier von ihnen ins Krankenhaus, weil sie mit jener Chemikalie in Kontakt kamen, die das Öl binden soll. Lasseigne hat nicht bei BP unterzeichnet. „Ich verliere gerade meine Lebensgrundlage“, sagt er, „ich will nicht auch noch mein Leben verlieren, nur weil ich mit dem Öl arbeite“.

Der 46-JĂ€hrige hat ein rundes Gesicht, krĂ€ftige, ruhige HĂ€nde, den Brustkorb eines Ringers. Er ist ein Mann, der im Einklang scheint mit seinem Leben an der KĂŒste, mit seiner Arbeit im Rhythmus der Tiden und der Jahreszeiten. Sein Vater hat so gelebt, sein Großvater und sein Urgroßvater. Wie viele hier fischt er, seit er denken kann. Das Meer ist alles, was er hat.

Doch seit am 20. April 40 Meilen draußen vor der KĂŒste die “Deepwater Horizon” explodierte, ist nichts mehr wie es war auf Grand Isle an der KĂŒste Louisianas. Die Insel, eine Bootsstunde westlich der Mississippi-MĂŒndung gelegen, markiert die Frontlinie im Kampf gegen das Öl. In dicken Flatschen klebt es brĂ€unlich-rot auf den StrĂ€nden. Hinter der Insel sickert es in die Salzmarschen. Es verklebt die Federn von Pelikanen, Reihern und Seetauchern. Es verseucht die Muscheln, die Krebse und das Land. Giftige, stinkende Schwaden ziehen vom Meer her ĂŒber die schmale Insel. Es ist eine Katastrophe, wie sie es hier, auf diesem regelmĂ€ĂŸig von Orkanen erschĂŒtterten Flecken Erde, noch nicht erlebt haben.

„Hurricane Katrina war nichts gegen das, was uns jetzt drohen könnte“, sagt David Camardelle, BĂŒrgermeister der Gemeinde; „Nach einem Hurricane können wir aufrĂ€umen; wir kennen das; wir mĂŒssen uns um Trinkwasser und ElektrizitĂ€t kĂŒmmern; doch das hier ist anders, das hier kann Jahre dauern – wenn die Fischer ĂŒberhaupt jemals wieder auf die Beine kommen.“

Carmardelle sitzt in seinem BĂŒro im Rathaus von Grand Isle, vor sich einen dunklen Furnierholzschreibtisch. Hastig beantwortet er die Fragen, wĂ€hrend ohne Unterlass das Telefon klingelt. Morgen kommt US-PrĂ€sident Obama auf die Insel. Und Carmardelle, siebenfach wiedergewĂ€hlt in sein Amt, will dem Mann aus Washington deutlich sagen, was auf dem Spiel steht. Am Vorabend hat er mit angereisten Experten aus Alaska zusammen gesessen. Es ging natĂŒrlich um das TankerunglĂŒck der Exxon Valdez. SpĂ€testens seither weiß Carmardelle, wie zĂ€h der Kampf fĂŒr seine Insulaner werden kann.

„Obama muss mehr Druck auf BP ausĂŒben“, sagt er. Und ja, natĂŒrlich ist die Wut groß hier auf die Firma und BP-Chef Tony Hayward.

Überall hĂ€ngen auf Grand Isle die selbst gemalten Plakate am Straßenrand. „BP, Du hast unsere Zukunft und unser Erbe ruiniert“; „BP, Du tötest unsere Tiere und unser Ökosystem“. Die Ölfirma versucht, die Wut einzudĂ€mmen. Kaum einen Steinwurf vom verölten Strand entfernt, im „Grand Isle Community Center“ hat sie ein „Informationszentrum“ aufgemacht. Wer hier Schadensersatzforderungen stellt, lĂ€uft nach kurzer Zeit mit einem Scheck aus der TĂŒr, 2500 Dollar fĂŒr „Deckhands“, 5000 Dollar fĂŒr KapitĂ€ne.

„Teilvergleich“ steht auf dem Scheck, eine Art Anzahlung fĂŒr den Einkommensausfall. Auch Floyd Lasseigne lief schon ĂŒber den Linoleumboden zu den BP-Leuten und fĂŒhlte sich wie einer, der betteln muss. Er kann nur bitter lachen. „Bald ist die Versicherung fĂŒr mein Haus und mein Auto fĂ€llig; damit ist das BP-Geld weg“, sagt der Fischer. Ob und wann er noch mehr Ausgleichszahlungen bekommt, hat ihm niemand gesagt. „Warum geben die mir nicht Geld fĂŒr fĂŒnf Jahre“, sagt er, „danach sehen wir weiter.“

Lasseigne lebt mit seiner Familie in einem der typischen StelzenhĂ€usern aus Holz direkt an den Docks. Katastrophen sind seine Frau Julie und er gewohnt. Hurricane Katrina zerstörte das Haus fast komplett. Über Monate campierte die Familie im verschont gebliebenen Schlafzimmer. „Wir waren gerade wieder auf den Beinen“, sagt der Fischer.

Dann kam das Öl. Nun sind die FischgrĂŒnde bereits seit Tagen geschlossen. Lasseigne kann nur noch in seinem Wohnzimmer sitzen und im Fernseher die tĂ€glichen Hiobsbotschaften verfolgen. Die UntĂ€tigkeit zermĂŒrbt ihn. Ein letztes Dutzend lebender Blaukrabben hat der Fischer am Morgen noch aus den Meerwasserbecken unter dem Haus geholt. „Heute abend gibt es das letzte Krebsfleisch“, sagt er.

Die Lasseignes setzten Krabbenkörbe in die flachen Marschen; sie sĂ€ten jĂ€hrlich neu die Austern; sie jagten den Shrimps nach. Direkt vor dem Haus liegt die „Braty Princess“ an der Pier, die „verzogenen Prinzessin“, benannt nach Lasseignes 14-JĂ€hriger Tochter. Im Bauch des 12-Meter-Kutters arbeitet eine robuste 450 PS Cummings-Maschine, der ganze Stolz des Fischers. Bis zu 3000 Pfund Shrimp konnte die Familie damit tĂ€glich einholen. Direkt vor dem eigenen Haus verkauften sie den Großteil des Fangs.

Und sie kamen ja gut ĂŒber die Runden. 50000 bis 80000 Dollar machte die Familie im Jahr. Doch nun? Julie Lasseigne, 43, kennt nur das Meer. Ihrem Mann Floyd geht es genauso. Nach der achten Klasse schmiss er die Schule. Mit 18 lieh er sich 25000 Dollar und kaufte sein erstes Boot. Kurz darauf heiratete er seine Julie, sie gerade 16. Er kann nicht buchstabieren und nur schlecht lesen. „Das hier ist die einzige Chance, die ich habe“, sagt der Fischer. Die Einzige? „Die Ölindustrie“, sagt er, „ich kann fĂŒr die Ölindustrie arbeiten.“

Das ist der Konflikt in diesem Landstrich, diesem Gewirr aus WasserlĂ€ufen, Salzwiesen, StrĂ€nden und Meer. Kaum zehn Kilometer Luftlinie von Lasseignes Haus entfernt liegt Port Fourchon, der wichtigste Ölhafen der ganzen GolfkĂŒste, eine Boomtown, seit das Bohren in der Tiefsee populĂ€r geworden ist. Hier wurde die Stahlglocke gefertigt, die ursprĂŒnglich den Ölfluss draußen auf dem Meer stoppen sollte. Hier liegen Hunderte von Booten, unabdingbar fĂŒr die Versorgung der Ölplattformen. Und auch weiter im Inland reiht sich eine Raffinerie, ein Öltank an den nĂ€chsten.

Öl und Fisch mischen sich hier seit Jahrzehnten, in dieser Region, die von den Cajuns, den Nachfahren der einst aus Kanada eingewanderten französischen Siedler, geprĂ€gt wird. Und die meisten Familien leben ja von beidem. Lasseignes Ă€lterer Sohn Blake, 24, arbeitet als KranfĂŒhrer in Port Fourchon. Der 22-JĂ€hrige Trent dagegen hat lĂ€ngst seinen eigenen Kutter. Alles hĂ€ngt zusammen, und bislang wagen nur wenige, laut zu sagen, was sie denken. Doch langsam platzt den Einheimischen der Kragen.

Dean Blanchard ist einer, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Er ist „Shrimp-Broker“ in der fĂŒnften Generation, einer der grĂ¶ĂŸten der USA. Er macht die Krabben der Einheimischen zu Geld. 1400 Fischer sind bei ihm unter Vertrag. Bis zu 400000 Pfund Krabben tĂ€glich verkauft der 51-JĂ€hrige. 60 Millionen Dollar Umsatz macht er im Jahr.

Blanchard fĂ€hrt im schwarz lackiertern Hummer-MilitĂ€rfahrzeug zur Arbeit und macht gerne rassistische Witze. Sein BĂŒro direkt am Hauptkai von Grand Isle ist eine einzige gelb-lilane Hommage an die LSU-Tigers, das Football-Team der Louisiana State University. Der braungebrannte GeschĂ€ftsmann mit strammem Kurzhaarschnitt ist keiner, der GefĂŒhle zeigt. Doch jetzt sitzt er hier im Kunstledersessel seines BĂŒros und fĂŒhrt dieses Video vor. Es zeigt ihn, wie er vor ein paar Tagen ein Fernsehinterview gibt; wie er seine Heimat beschreibt, die im Öl versinkt; wie ihm dann die TrĂ€nen kommen.

„Ich musste schon 65 Arbeiter nach Hause schicken“, sagt Blanchard. Auch die ĂŒbrigen 20 mĂŒssten vermutlich in den nĂ€chsten Tagen gehen. Dabei hatte sich gerade eine der besten Saisons seit Jahren angekĂŒndigt; der Winter war kalt, die Bedingungen gĂŒnstig.
Sein Blick geht hinaus auf den Bayou direkt vor seinem BĂŒrofenster. Ich weiß, was bald geschehen wird, sagt dieser Blick; aber er sagt auch: Begriffen habe ich es noch lange nicht. „In einer Woche ist hier alles braunrot vom Öl.“ Und dann? Blanchard zögert. Er sagt: „Ich glaube nicht, dass ich lange genug leben werden, um noch zu sehen, wie das hier wieder zu dem wird, was es einmal war“.

Blanchard wird es nicht schlecht gehen. Er verliert zwar, was nicht bezahlbar ist. Er wird aber auch einen Millionendeal mit BP aushandeln, der ihm einen Neuanfang ermöglicht.

Doch was wird aus Fischern wie Floyd Lasseigne?

FĂŒr drei bis vier Monate sei noch Geld da, berichtet der Fischer auf dem RĂŒckweg von seinen AusterbĂ€nken. Das hier ist Lasseignes kleine Welt. Mehr kennt er nicht. „Ich muss zuversichtlich sein“, sagt er, „was soll ich sonst machen? Mich erschießen?“ Dann steuert er sein Boot routiniert zurĂŒck in den Hafen. Die Sonne steht tief und taucht die Landschaft in goldenes, sanftes Licht. Im Wasser vor dem Pier baden Kinder. FĂŒr einen Moment könnte man meinen, es wĂŒrde die Ölpest gar nicht geben.

Als der Fischer anlegt, kommt seine Frau hinzu. Werden Sie BP verklagen?

„Wir glauben nicht an AnwĂ€lte“, sagt Julie Lasseigne, Fischerin von Grand Isle, Louisiana, und nun im Clinch mit dem Ölriesen BP: „Wir sind glĂ€ubige Katholiken; Gott wird uns den Weg weisen.” Philip Bethge

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One Response to US-Ölpest: „BP, du tötest unsere Tiere“

  1. ebook leser on June 7, 2010 at 9:02 am

    Seit die Bohrinsel des britischen Ölkonzern im Golf von Mexiko explodierte, verlor BP an der Börse rund 74 Milliarden Dollar an Wert etwa so viel, wie die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen zusammengerechnet pro Jahr erwirtschaften. Ich hoffe die KonzernfĂŒhrung denkt mal darĂŒber nach, was eine gescheite Technik im Gegensatz dazu gekostet hĂ€tte und lernt fĂŒr die Zukunft. Auch die anderen sollen mal darĂŒber nachdenken und endlich handeln.

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