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Fliegende Schiffe

Beim diesjährigen America’s Cup treten alle Teams mit dem gleichen Segelboot an: mit einem Superkatamaran, der die Traditionsregatta wieder spannend machen soll.

Von Philip Bethge

Der Katamaran rauscht heran wie ein tieffliegender Raubvogel mit muskulösen Schwingen. Hoch über dem Wasser kauern sich die Segler auf dem einen Rumpf der Yacht zusammen. Ihren Kopf haben sie mit Helm geschützt. Kein Wunder: Die Höchstgeschwindigkeit des Zweirumpfboots liegt bei etwa 80 Kilometern pro Stunde.

Das Schiff vom Typ AC72 ist die jüngste Rennmaschine des America’s Cup. Zum 34. Mal werden im Sommer die mutmaßlich besten Segler der Welt zur berühmtesten Regatta der Erde zusammenkommen. Austragungsort ist diesmal die Bucht von San Francisco, ein “spektakuläres Segel-Amphitheater”, wie es Larry Ellison ausdrückt. Der Chef der Software-Firma Oracle gewann den vorigen Cup und darf das diesjährige Rennen deshalb ausrichten. Erwartet wird ein Extremsportspektakel erster Güte.

Mit TV-Bildern aus der Luft und Ton- und Bildübertragung direkt von den Booten soll die Regatta ähnlich wie die Formel 1 zum Zuschauersport werden.

Vor allem aber wird der Cup diesmal nicht in erster Linie zum Wettstreit der Schiffsbauer werden. Zugelassen für das Rennen ist nämlich nur ein einziger Bootstyp, die neue, rund zehn Millionen Dollar teure AC72. Alle sieben Rennteams versuchen derzeit, den Segelboliden in den Griff zu bekommen.

“Kein Boot ist schwerer zu segeln als die AC72”, sagt James Spithill, Skipper des Oracle-Teams, “wir brauchen bärenstarke Männer; und jeder Fehler kann katastrophale Folgen haben.”

Der Superkatamaran ist ein Seglertraum aus pechschwarzer Kohlefaser und Epoxydharz, 22 Meter lang, 14 Meter breit und knapp 6 Tonnen schwer. In der Mitte thront ein 260 Quadratmeter großer, 40 Meter hoher Flügel. Bis zu viermal effizienter als ein normales Segel soll die Superschwinge sein. Klappen an der Hinterkante erlauben es, das Flügelprofil während der Fahrt den Windverhältnissen anzupassen.

“Das Profil eines normalen Segels lässt sich nur durch Zug von unten verändern”, erläutert Ingenieur Kurt Jordan vom Oracle-Team. Bei Rennyachten würden leicht 20 Tonnen auf dem sogenannten Baumniederholer lasten. Ein Flügel dagegen braucht keinen Zug, sondern hält seine Form von selbst. Mit der Schwinge soll die AC72 mehr als die doppelte Windgeschwindigkeit erreichen können.

–> Geschichte im Original auf SPIEGEL Online lesen

In einer Lagerhalle an San Franciscos Pier 80 feilt Jordan zusammen mit seinen Kollegen derzeit an den Feinheiten des amerikanischen Katamarans. Die Experten werten dafür die Daten von über 150 Sensoren aus, die an Bord des Schiffs installiert sind. Dann wird optimiert. Mit Hingabe arbeitet das Oracle-Team zum Beispiel an den Schwertern der beiden Rümpfe. Sie verhindern, dass das Boot zur Seite abdriftet.

Bei der AC72 jedoch haben sie eine weitere Funktion. Die Schwerter sind wie ein “L” geformt. Die Folge: Wenn es schnell genug vorangeht, hebt sich der Katamaran vollständig aus dem Wasser.

“Foiling” nennen Segler diese Gleitphase. Der Anblick ist spektakulär. Gerade noch pflügte die AC72 wie ein normaler Katamaran durch die Wellen. Dann schweben urplötzlich beide Bootskörper gleichzeitig in der Luft. Wie ein Pferd, dessen Zügel gelockert werden, beschleunigt das Boot binnen wenigen Sekunden beinahe auf das Doppelte seiner Geschwindigkeit. Allein das Schwert auf der windabgewandten Seite und die beiden langen Steuerruder zerschneiden noch das Wasser und lassen einen feinen Nebel aus glitzernder Gischt zurück.

In so einem Moment lasten auf dem Schwert an die 200 Tonnen. Dabei ist das Kohlefaserbrett nur etwa einen Meter breit und acht Meter lang. “Es ist ein Drahtseilakt”, sagt Jordan, “wir loten die Grenzen der Belastbarkeit aus.” Das gilt auch für die Besatzung. Einzig mit Menschenkraft darf die AC72 gefahren werden. Elf Muskelpakete mit wettergegerbtem Gesicht sind an Bord. “Sie verrichten die Arbeit von 17”, sagt Skipper Spithill. Paarweise malochen sie an den Winschen, um zum Beispiel die Hydraulik der Schwerter zu bedienen oder das Vorsegel dichtzuholen, das mit vier Tonnen am Boot zerrt.

“Diesmal geht es beim America’s Cup wirklich um die seglerischen Fähigkeiten”, schwärmt Spithill, “der durchschnittliche Segler hätte keine Chance, dieses Boot über den Kurs zu bringen.”

Sogar Spithill selbst ist schon an dem Superkatamaran gescheitert. Bei Windstärke sechs kachelte er im vergangenen Oktober direkt vor der Uferpromenade von San Francisco über das Wasser. Plötzlich geriet der Katamaran aus dem Gleichgewicht. Der Bug der Riesenyacht bohrte sich in die brodelnde See. Das Heck rauschte in die Höhe. Der Katamaran überschlug sich. Über drei Monate dauerte es, bis das Oracle-Team sein Boot wieder zusammengeflickt hatte.

Für das Rennen gehen die Segler auf Nummer sicher: Seit vorvergangenem Dienstag dümpelt ein zweiter AC72 vor dem Dock in San Francisco.

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